Im Spätsommer 1923 steht am Stadtrand von Weimar ein Musterhaus für die erste große Bauhaus-Ausstellung. Das Haus am Horn, entworfen von Georg Muche, ein weißer Würfel, aus dem in der Mitte ein höherer wächst. Ungewöhnlich für eine Stadt, deren Häuser Stuck, Erker und steile Dächer tragen. Mann und Frau bekommen getrennte Zimmer, verbunden nur durch einen kleinen, düsteren Flur mit dem Bad. Die Weimarer sprechen befremdet von einem Haus für Marsbewohner. Andere nennen es Bonbonschachtel oder Nordpolstation. Es steht bis heute. Das finde ich fast überraschend, wenn ich mir die Geschichte dahinter anschaue.
Die Schule, die es gebaut hat, ist anderthalb Jahre später in Weimar Geschichte.
Es gab kein Verbot, kein Gesetz und keine Polizei vor der Tür. Es wurde leiser an seinem Ende gearbeitet. Eine Wahl, ein bisschen weniger Geld, ein paar Briefe und das Bauhaus musste gehen.

Ein Schritt zurück. April 1919. In Weimar tagt die Nationalversammlung und schreibt an der Verfassung einer Republik, die es so noch nie gegeben hat. Ein paar Straßen weiter legt Walter Gropius die Großherzogliche Hochschule für bildende Kunst und die Kunstgewerbeschule zusammen und nennt das Ergebnis Staatliches Bauhaus. Die Verfassung wird festschreiben, dass alle Deutschen vor dem Gesetz gleich sind und Vorrechte der Geburt oder des Standes aufgehoben werden.
Wer hier studieren wollte, brauchte kein Abitur. Je nach Semester waren ein Viertel bis die Hälfte der Studierenden Frauen, bis zu einem Drittel kam aus dem Ausland. Die Lehrer hießen Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer. Gelernt wurde in Werkstätten, nicht in Hörsälen.
Später warf man dem Bauhaus genau das vor. Die Offenheit. Die Ausländer. Die Frauen. Der Lebensstil.
Die Angriffe kamen früh, und sie kamen pünktlich. Auffällig oft kurz bevor der Landtag über den Haushalt beriet. Ein Syndikus sollte die Finanzen des Bauhauses führen. Nach einem Streit mit Gropius wurde er entlassen und warf der Schule danach Misswirtschaft vor. Später häuften sich Anfragen und Petitionen von rechts. Utopisch sei das Bauhaus, bolschewistisch, eine Verschwendung von Steuergeld. Die Völkischen forderten den Abbau einer so unrentablen Einrichtung. Im März 1923 brachten die Deutschnationalen im Landtag eine Entschließung gegen das Bauhaus ein. Sie wurde abgelehnt. Noch fehlte die Mehrheit.
Noch im August 1924 nannte die Braunschweigische Landeszeitung Wassily Kandinsky einen gefährlichen kommunistischen Russen. Kandinsky las nach eigener Aussage nicht einmal Zeitung. An den Kunstkritiker Will Grohmann schrieb er damals: „Ich habe kein Interesse für Politik, bin vollkommen unpolitisch.“ Im Meisterrat hatte er 1922 von der „Katastrophe“ gesprochen, die er in Russland erlebt habe. Das Kollektivistische gehöre „der Vergangenheit an“. Genützt hat es ihm nichts. Es zählte nur, als was man ihn hinstellen konnte. Und was für Kandinsky galt, galt für das ganze Bauhaus.
Ganz unbeteiligt war das Bauhaus daran nicht. Gropius machte von Anfang an Pressearbeit im großen Stil und hielt die Schule zugleich nach außen verschlossen. Auf jede Kampagne der Gegner antwortete er mit einer eigenen, und bald mischten Politiker beider Seiten mit. Jeder hatte etwas zu sagen. Der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger schreibt, dass ständig „Fakten durch Parteinahme ersetzt“ wurden. Das entschuldigt nichts und macht die Geschichte komplizierter.
Im Herbst 1923 holten die Sozialdemokraten in Thüringen die Kommunisten in die Regierung. Wenige Wochen später schickte die Reichsregierung die Armee. Gegen eine gewählte Landesregierung. Gegen das rechte Bayern, das sich Berlin zur selben Zeit offen widersetzte, unternahm sie nichts. Die kommunistischen Minister mussten gehen. Die Regierung hatte keine Mehrheit mehr, der Landtag wurde aufgelöst.

Im Februar 1924 stand die Landtagswahl an. Die bürgerlichen und rechten Parteien schlossen sich zum Thüringer Ordnungsbund unter dem Motto „Nie wieder ein rotes Thüringen“ zusammen. Am 6. Februar 1924 druckte die Allgemeine Thüringische Landeszeitung: „Handwerk! Gewerbe! Einzelhandel! Niederzuknüppeln war das Ziel der sozialistisch-kommunistischen Regierung! Denk an Soziale Bauhütten, Staatliches Bauhaus.“ Das Bauhaus stand jetzt da als staatlich bezahlte Konkurrenz für jeden Tischler und Schlosser im Land.
Der Bäcker, der Metzger, die Frau mit dem kleinen Laden an der Ecke sollen sich bedroht fühlen. Von einer Kunstschule mit weniger als zweihundert Studierenden. Die Frage lag nahe, aber um sie ging es nicht. Es ging um Stimmen.
Im Februar 1924 gingen 89 Prozent an die Urne. Das Endergebnis: Der Ordnungsbund kam auf 48 Prozent. Also keine Mehrheit.
Regiert wurde trotzdem. Richard Leutheußer von der DVP bildete eine Minderheitsregierung und ließ sich von der Vereinigten Völkischen Liste tolerieren. Dort saßen auch Leute aus der NSDAP, die zu dieser Zeit verboten war. Ihr Fraktionschef, der Antisemit Artur Dinter, wurde ein Jahr später Gauleiter von Thüringen.
Die Regierung fing dort an, wo es von rechts den meisten Applaus gab: bei der Bildung und bei der Kultur. Ein leichtes Opfer?
Am 20. März 1924 ließ Leutheußer Gropius ausrichten, dass ihm aller Voraussicht nach gekündigt werde. Im April machte dann das Gerücht die Runde, das Bauhaus solle aufgelöst werden. Gropius erfuhr es aus der Zeitung.
Eine Abordnung des Bauhauses wollte dem zuständigen Minister ausrichten, dass alle Meister selbst kündigen würden, falls das Bauhaus aufgelöst wird. Leutheußer blieb stur. Er empfing die Abordnung nicht und fertigte Gropius am Telefon ab.
Einen Monat später wurde Gropius 41. Statt zu grübeln, feierten die Bauhäusler vier Tage lang und trugen ihren Direktor auf den Schultern aus dem Saal. Es wirkte wie Trotz. Oder wie ein Abschied, von dem noch keiner wusste.
Im September 1924 kündigte die Regierung allen Meistern vorsorglich zum 31. März 1925, Gropius eingeschlossen. Beim Geld war sie schon weiter. Im Laufe des Jahres halbierte sie die Mittel für das Bauhaus, nach Magdalena Droste auf 50.000 statt 100.000 Mark. So wurde ein Haushaltsposten kleiner, bis er nicht mehr reichte.
Am zweiten Weihnachtstag 1924 kamen Gropius und die Meister der Regierung zuvor. In einem offenen Brief erklärten sie, das Bauhaus löse sich auf, sobald ihre Verträge enden. Darin steht der Satz: „Wir klagen an, daß zugelassen und begünstigt worden ist, daß die sachliche und stets unpolitische Kulturarbeit des Bauhauses durch parteipolitische Machenschaften gestört wird.“ Ganz stimmte das nicht. Gefördert hatten das Bauhaus von Anfang an die linken Parteien, bekämpft die rechten.
Die Behörden hat das kaum beeindruckt. Eine staatliche Schule kann sich nicht selbst auflösen, das entscheidet der Staat. Bis Ende März lief der Unterricht weiter, dann liefen die Verträge aus. Dass das Bauhaus Weimar verlassen würde, stand mit dem Brief aber fest.
Im Februar 1925 war Gropius erschöpft nach Sizilien gefahren. In dieser Zeit stand eine Delegation aus Dessau in Weimar: Oberbürgermeister Fritz Hesse, ein Liberaler von der DDP, und Landeskonservator Ludwig Grote. Sie ließen sich das Bauhaus zeigen. Die Meister führten sie herum. Hesse wunderte sich beim Weimarer Oberbürgermeister Walther Felix Müller, dass Weimar das Bauhaus ziehen lasse. Müller wusste wenig zu sagen. Er hatte die Schule nie besucht.

Am 24. März 1925 stimmte der Dessauer Gemeinderat darüber ab, das Bauhaus zu übernehmen. 26 Stimmen dafür, 15 dagegen. Diesmal entschied eine Abstimmung für das Bauhaus.
Ende März 1925 luden die Bauhäusler ins Ilmschlösschen, „zu unserem gemeinsamen Ableben“. Es wurde getanzt. In einer Lotterie wurden Feininger, Klee und Kandinsky verlost.
Lyonel Feininger fasste das Ende in einem Satz zusammen: „Es hat sich ausgeweimart, meine Herrn, wir gehen jetzt dessauern!“