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Text 17.09.2026

Julian Brandt und das Missverständnis mit der Konstanz

Dreizehn Bundesliga-Saisons, Minute für Minute nachgerechnet. Was dabei herauskommt, sagt mehr über die, die urteilen, als über den Spieler.

Julian Brandt hat sein Talent vergeudet. So steht es in Foren, so klingt es in Kneipen, so schreiben es Zeitungen seit Jahren. Zu unbeständig, heißt es dann. Der Satz gilt als ausgemacht. Nachgerechnet hat ihn nie jemand.

Dieser Text tut genau das. Der Anlass: Seit diesem Sommer läuft Brandt nicht mehr für Borussia Dortmund auf, sondern im Trikot von Ajax Amsterdam. Damit feiert eine der eigentümlichsten deutschen Karrieren der vergangenen Jahre ihre Renaissance.

Das Ergebnis vorweg: Je nachdem, welche Saison man zufällig im Kopf hat, sieht man einen anderen Fußballer. In einem Jahr war Brandt an 31,9 Prozent aller Ligatore seines Vereins beteiligt, zwei Jahre später an 6,7 Prozent. Beide Brandts sind echt. Das ist das eigentliche Thema.

Warum absolute Zahlen bei ihm das falsche Maß sind

Brandt war in der Bundesliga meistens gesetzt, aber selten selbstverständlich: 279 Startelfeinsätze in 383 Spielen, macht 73 Prozent. Entscheidender ist eine andere Zahl. Im Schnitt kam er auf 65 Minuten pro Einsatz. Sein Trainer nahm ihn also früh herunter, oder er kam spät herein. In einzelnen Spielzeiten war er sogar Reservist. 2014/15 stand er zehnmal in 25 Einsätzen in der Startelf, 2020/21 siebzehnmal in 31, in seiner letzten Dortmunder Saison siebzehnmal in 29. Wer so eine Karriere an absoluten Torbeteiligungen misst, misst zu einem guten Teil die Entscheidungen seiner Trainer. Die fairere Frage lautet: Was passierte, wenn er auf dem Platz stand?

In der Bundesliga stehen 24.918 Einsatzminuten 171 direkte Torbeteiligungen gegenüber, 77 eigene Tore und 94 Vorlagen. Das ergibt eine Torbeteiligung alle 146 Minuten, oder 0,62 pro 90. Für einen Mittelfeldspieler, der nicht als Abschlussspieler aufgestellt wird, ist das ein hoher Wert.

Seine letzte Dortmunder Saison ist dafür das beste Beispiel, weil sie öffentlich längst als Ausklang galt.

Brandts Saison 2025/26 bei Borussia Dortmund, aufgeschlüsselt nach Wettbewerb.
Brandts Saison 2025/26 bei Borussia Dortmund, aufgeschlüsselt nach Wettbewerb.

15 Torbeteiligungen in 2.194 Minuten, das ist eine alle 146 Minuten. In der Saison, die als sein Abgesang erzählt wurde, traf er also exakt seinen eigenen Karriereschnitt. Wer hier von Formschwäche spricht, beschreibt die Aufstellung, nicht die Leistung.

Wie viel vom Team hing an ihm?

Noch aussagekräftiger als die eigene Quote ist der Anteil an dem, was die Mannschaft insgesamt zustande brachte. Also für jede Saison seiner Laufbahn: die Ligatore seines Vereins, Brandts direkte Beteiligungen daran und der Anteil.

Brandts Anteil an den Bundesliga-Toren seines Vereins. Vereinstore und Beteiligungen laut kicker, Anteil eigene Rechnung.

Über die gesamte Laufbahn war Brandt an 171 von 894 Bundesligatoren seiner Vereine direkt beteiligt, also an gut 19 Prozent. Fast jeder fünfte Treffer lief über ihn, und das über dreizehn Spielzeiten und zwei Klubs hinweg. Ein Mitläufer sieht anders aus.

Die Spitzenwerte sind bemerkenswert. In seiner letzten Leverkusener Saison war Brandt an 31,9 Prozent aller Ligatore beteiligt, in Dortmund 2023/24 an 27,9 Prozent. In vier Saisons seiner Karriere erreichte er mindestens ein Viertel. Zur Einordnung: Christian Eriksen, ein Spieler in ähnlicher Rolle, galt bei Tottenham als bester Kreativspieler der Premier League, nachdem er in einer Saison an etwas mehr als einem Viertel der Mannschaftstore beteiligt gewesen war.

Und dann 2020/21: 5 Beteiligungen bei 75 Dortmunder Toren, 6,7 Prozent. Von einem Drittel auf ein Fünfzehntel, binnen zwei Jahren. Wer wissen will, warum dieser Spieler so unterschiedlich beurteilt wird, findet die Antwort in dieser einen Tabelle.

Die Schwankung, endlich gemessen

Alle reden über Brandts Unbeständigkeit. Beziffert hat sie keiner. Also hier, Saison für Saison, seine gesamte Bundesliga-Laufbahn: Einsatzminuten, Tore, Vorlagen und daraus die Torbeteiligungen pro 90 Minuten.

Julian Brandt in der Bundesliga, alle Saisons. Quelle: kicker. Die letzte Spalte ist eigene Rechnung.

Der Befund ist eindeutig, und er stützt den Vorwurf eher, als ihn zu entkräften. Brandts Ausschlag reicht von 0,30 in der Saison 2020/21 bis 0,78 im Jahr darauf. Das ist keine Nuance, das ist mehr als eine Verdopplung von einer Spielzeit zur nächsten, bei gleichem Verein und gleicher Liga. Wer sagt, Brandt sei unbeständig gewesen, hat schlicht recht.

Bemerkenswert ist etwas anderes: Über 24.918 Bundesliga-Minuten mitteln sich diese Ausschläge zu 0,62 Torbeteiligungen pro 90 Minuten, also einer alle 146 Minuten. Die Schwankung ist real, der Durchschnitt darunter ist es auch. Beides gleichzeitig wahr zu finden, ist die eigentliche Aufgabe bei diesem Spieler.

Der Vergleich, der ihn einordnet

Eine Quote sagt erst dann etwas, wenn man sie neben einen vergleichbaren Offensivspieler legt. Thomas Müller bietet sich an, das deutsche Sinnbild für Beständigkeit, und der Zufall meint es gut: Seine beim kicker erfassten Bundesliga-Jahre ergeben eine Stichprobe von fast exakt derselben Größe wie Brandts gesamte Laufbahn.

Bundesliga, Quelle kicker, nahezu identische Spielzeit. Torbeteiligungen und Pro-90-Werte sind eigene Rechnung.

Das ist der Moment, in dem die Verteidigung ehrlich werden muss. In praktisch gleicher Spielzeit war Müller an 270 Bundesligatoren beteiligt, Brandt an 171. Müller lieferte alle 94 Minuten eine Torbeteiligung, Brandt alle 146. Wer Brandt neben Müller stellt, stellt ihn neben einen Spieler, der eine ganze Kategorie darüber liegt und dazu auf einer anderen Position spielte, deutlich näher am gegnerischen Tor. Dieser Vergleich rettet ihn nicht, er ordnet ihn ein.

Nur folgt aus diesem Abstand nicht das, was üblicherweise daraus gemacht wird. Müller ist der Maßstab einer Ära, und an diesem Maßstab scheitern fast alle. Die interessantere Frage ist nicht, ob Brandt an Müller heranreicht, sondern ob 0,62 für einen Mittelfeldspieler wenig sind. Das sind sie nicht.

Brandt ist kein Müller. Der Vorwurf gegen ihn lautete aber auch nie, er sei kein Müller. Er lautete, er habe sein Talent verschenkt. Das ist etwas völlig anderes, und dafür reicht der Abstand zu Müller als Beleg nicht aus.

Der Fall Özil, mit Zahlen statt Eindrücken

Bleibt der Vorwurf der Unbeständigkeit. Der ist berechtigt, aber er ist kein Alleinstellungsmerkmal. Mesut Özil, heute unbestritten einer der besten Mittelfeldspieler seiner Generation, war der meistdiskutierte Schwankungsfall überhaupt. Paul Merson brachte es auf den Punkt: Özil werde gerade deshalb für seine Formschwankungen kritisiert, weil er zu den Besten der Liga gehören könne. Nur lohnt es sich, bei ihm dieselbe Rechnung aufzumachen wie bei Brandt.

Mesut Özil in der Liga, Torbeteiligungen je 90 Minuten und Anteil an den Ligatoren seines Vereins. Quelle: FBref, Vereinstore ebenfalls FBref.

Über drei Jahre bei Real Madrid lag Özil bei 0,84 Torbeteiligungen pro 90 Minuten, also einer alle 108 Minuten. Das ist ein Wert, den in diesem Text nur Müller übertrifft. Sein Anteil an den Mannschaftstoren blieb dort trotzdem bei rund 20 Prozent, weil dieses Madrid in einer Saison 121 Ligatore erzielte. Bei einer überragenden Mannschaft verteilt sich der Anteil, die eigene Quote bleibt davon unberührt. Deshalb sind beide Spalten nötig. In der Saison 2015/16 war er mit sechs Toren und 19 Vorlagen an 38,5 Prozent aller Arsenal-Ligatore beteiligt, mehr als ein Drittel der Offensive eines Vizemeisters. Vier Jahre später waren es 5,4 Prozent.

Beide Özils sind echt. Der Absturz von 0,97 auf 0,19 ist real, die Kritiker hatten also nicht unrecht. Sie hatten ein Zeitfenster. Und im kollektiven Gedächtnis hat sich ausgerechnet das letzte durchgesetzt, die Emery-Jahre, die Nichtnominierungen, das Etikett des Luxusspielers. An den Özil von 2015/16 erinnert sich fast niemand mehr, und an den von Madrid schon gar nicht.

Die klügste Erklärung für solche Kurven stammt aus der Arsenal-Szene selbst und lässt sich eins zu eins auf Brandt übertragen: Die vermeintlichen Hochs und Tiefs eines Vorlagengebers liegen in der Natur der Vorlage. Der Abschluss gehört ihm nicht. Es gibt Phasen, in denen die Stürmer vor ihm heiß laufen, und Phasen, in denen ihnen nichts gelingt. Die Kurve, die man dem Kreativspieler als Charakterschwäche auslegt, ist zu einem guten Teil die Kurve seiner Mitspieler.

Der Test, den diese Erklärung nicht besteht

Das ist eine schöne These. Man kann sie prüfen, seit erwartete Vorlagen erhoben werden. Die Kennzahl misst, wie viele Vorlagen ein Spieler für die von ihm herausgespielten Chancen verdient hätte. Liegen seine echten Vorlagen darunter, haben seine Mitspieler die Chancen vergeben. Für Brandt liegen diese Werte ab 2023/24 vor.

Echte gegen erwartete Vorlagen, Bundesliga. Quelle: kicker.

In zwei von drei prüfbaren Jahren hat Brandt seine erwarteten Vorlagen deutlich übertroffen. Seine Mitspieler haben also besser abgeschlossen, als die Qualität seiner Zuspiele es hergab, nicht schlechter. Die bequeme Erklärung, seine Stürmer hätten ihm die Bilanz verhagelt, trägt für diese Saisons nicht. Erst in seinem letzten Dortmunder Jahr kippt das Vorzeichen, und selbst dort ist der Rückstand klein.

Zur Einordnung: Müller übertraf seine erwarteten Vorlagen in denselben zwei Saisons ebenfalls, mit elf gegenüber 7,95 und sechs gegenüber 4,09. Bei starken Mannschaften ist dieses Übertreffen offenbar der Normalfall, nicht das Glück des Einzelnen. Was heißt das für unsere Ausgangsthese? Sie verliert ihre bequemste Stütze. Brandts Schwankungen lassen sich nicht darauf abwälzen, ob seine Stürmer trafen. Sie gehören ihm.

Woran die Ausschläge hängen

Wenn die Ausschläge ihm gehören, bleibt die Frage, woran sie hängen. Einen ersten Hinweis liefert der Moment, in dem seine Karriere zum ersten Mal nach oben kippte. Als ihn Peter Bosz in der Rückrunde 2018/19 bei Leverkusen von der angestammten Außenbahn ins Zentrum neben Kai Havertz zog, stieg seine Torbeteiligung sofort. Im Februar 2019 wurde er nach zwei Toren und vier Vorlagen zum Spieler des Monats gewählt, als erster Leverkusener überhaupt. Die Saison beendete er mit sieben Ligatoren und 15 Vorlagen, Leverkusen wurde Vierter und qualifizierte sich am letzten Spieltag für die Champions League. Brandt zog trotzdem die Ausstiegsklausel in seinem bis 2021 laufenden Vertrag und wechselte für die festgeschriebenen 25 Millionen Euro nach Dortmund, wo er bis 2024 unterschrieb.

In Dortmund folgte das Auf und Ab. Er wurde Schlüsselspieler im Mittelfeld, hatte aber gerade 2020/21 sichtbar mit Konstanz und Positionierung zu kämpfen, ehe er sich in den Folgejahren wieder steigerte, erheblich zur Offensive beitrug, den DFB-Pokal gewann und 2022/23 Vizemeister wurde. Im Juni 2024 stand er im Champions-League-Finale gegen Real Madrid, einen Monat später übernahm er die Nummer zehn. Über die gesamte Dortmunder Zeit stehen 43 Tore und 53 Vorlagen in 218 Bundesligaspielen.

Legt man die Saisonwerte neben die Trainerliste, wird es auffällig. Brandts beide schwächste Jahre, 2019/20 mit 0,45 und 2020/21 mit 0,30, fallen exakt in die Amtszeit von Lucien Favre, der im Dezember 2020 nach einer 1:5-Heimniederlage gegen Stuttgart entlassen wurde. Unter Edin Terzić lief die Rumpfsaison aus. Und kaum übernahm Marco Rose zur Saison 2021/22, sprang Brandt auf 0,78, den besten Wert seiner Dortmunder Zeit. Unter Terzić in dessen zweiter Amtszeit blieb er mit 0,64 und 0,77 oben.

Brandts Bundesliga-Quote nach Cheftrainer in Dortmund.

Unter Nuri Şahin und Niko Kovač pendelte er sich zuletzt bei 0,59 und 0,62 ein, also ziemlich genau auf seinem Karriereschnitt. Weder Absturz noch Höhenflug. Das schwächt die These nicht, es begrenzt sie: Ein Trainerwechsel wirkt bei Brandt stark in beide Richtungen, aber nicht jedes Mal.

Die stärkste Stütze der Systemthese bleibt trotzdem das Paar Favre und Rose. Zwei Trainer, zwei völlig verschiedene Brandts, bei gleichem Verein und weitgehend gleichem Kader.

Eine naheliegende Erklärung dafür fällt allerdings durch. Man könnte vermuten, Favre habe ihn quer über den Platz geschoben und Rose ihn endlich festgenagelt. Die Positionskarten des kicker geben das nicht her. Brandt wurde 2020/21 über die gesamte Mittelfeldbreite eingesetzt, von halblinks bis außen rechts, aber genau so breit gestreut war er auch 2018/19 in Leverkusen, gemessen am Anteil an den Ligatoren seiner besten Saison. Die Streuung ist bei ihm die Konstante, nicht die Ausnahme. Was sich unter Rose änderte, war also eher, wie die Mannschaft um ihn herum spielte, als die Stelle, an der er stand.

Lässt sich daraus eine Regel machen? Über beide Vereine hinweg geprüft: nein. Trainerwechsel haben bei Brandt in beide Richtungen gewirkt, und zwar heftig.

Als Peter Bosz im Dezember 2018 Heiko Herrlich in Leverkusen ablöste, folgte die beste Saison seiner Karriere, 31,9 Prozent Anteil an den Ligatoren. Als Marco Rose 2021 in Dortmund übernahm, sprang Brandt von 6,7 auf 21,2 Prozent. Umgekehrt begann sein Absturz unter Lucien Favre und setzte sich unter dessen Nachfolger Edin Terzić fort. Ein Trainerwechsel für sich sagt bei ihm also gar nichts vorher.

Was sich stattdessen zeigt, wenn man beide Vereine nebeneinanderlegt, ist auffälliger. Brandt braucht offenbar zwei Jahre.

Anteil an den Ligatoren, jeweils nach dem Wechsel zu einem neuen Verein.

Zweimal derselbe Verlauf: zwei schwache Jahre nach dem Vereinswechsel, dann der Sprung auf über zwanzig Prozent. Nicht der Trainerwechsel ist bei Brandt der Bruch, sondern der Vereinswechsel, und die Erholung braucht beide Male dieselbe Zeit.

Ein ehrlicher Vorbehalt gehört dazu: In Leverkusen war er beim Wechsel 17 und noch kein Stammspieler, da überlagert schlichte Entwicklung den Effekt. Zwei Fälle sind außerdem kein Muster, sondern eine Beobachtung. Aber es ist die einzige Regelmäßigkeit, die diese Karriere hergibt, und sie erklärt mehr als jede Trainerdebatte.

Was gegen diese These spricht

Ehrlicherweise gibt es einen Bereich, in dem die Zahlen die Verteidigung nicht tragen: die Champions League. Dort kommt Brandt über seine gesamte Laufbahn auf 4.432 Minuten mit 9 Toren und 12 Vorlagen. Das sind 21 Torbeteiligungen, eine alle 211 Minuten oder 0,43 pro 90. Gegenüber seinen 146 Minuten in der Bundesliga ist das ein Einbruch um ein Drittel, und in zwei Spielzeiten, 2020/21 und 2021/22, blieb er über 613 Königsklassen-Minuten gänzlich ohne Torbeteiligung. Es ist genau die Bühne, auf der sich der Vorwurf festgesetzt hat, er verschwinde in den großen Spielen. Wer Brandt verteidigt, muss diese Lücke benennen statt sie zu übergehen.

Das Körpersprachenproblem

Bleibt der Vorwurf, der sich in keiner Statistik findet und trotzdem am hartnäckigsten hält: Brandt wirke desinteressiert. Er trabe, er lasse hängen, ihm sei es egal. Dieselbe Zuschreibung begleitete Özil über Jahre, bis hin zum Etikett des Luxusspielers.

Das ist eine Aussage über Wahrnehmung, nicht über Leistung, und deshalb schwer zu widerlegen. Eine Gegenprobe gibt es aber. Der kicker erhebt Laufleistung und Sprints. Wer trabt, läuft weniger. Also: Brandt gegen Müller, den deutschen Inbegriff von Einsatz und Raumdeutung, auf 90 Minuten normiert.

Laufdaten der Bundesliga, auf 90 Minuten gerechnet. Quelle: kicker.

In der Laufleistung liegen beide praktisch gleichauf, alle vier Werte bewegen sich zwischen 11,5 und 11,9 Kilometern. Bei den Sprints läuft Brandt deutlich mehr, in beiden Saisons rund ein Viertel bis ein Drittel über Müller. Der Spieler, dem Gleichgültigkeit nachgesagt wird, sprintet also häufiger als derjenige, der als Sinnbild des Einsatzes gilt.

Zwei Einschränkungen gehören dazu, und beide sind wichtig. Müller war in diesen Saisons 34 und 35 Jahre alt, Brandt 27 und 28; ein Teil des Unterschieds ist schlicht Alter. Und Laufleistung misst Aufwand, nicht Klugheit: Müllers ganzes Spiel bestand darin, Wege zu finden, die er nicht laufen musste. Der Vergleich widerlegt also nicht, dass die beiden unterschiedlich wirken. Er widerlegt, dass Brandt weniger tut.

Aufschlussreich ist noch eine dritte Zeile. In seiner letzten Dortmunder Saison lief Brandt mit 11,63 Kilometern je 90 Minuten exakt so viel wie zuvor, seine Sprints fielen aber von 27,9 auf 17,4. Die Distanz blieb, die Spitzen verschwanden. Wer in dieser Saison das Gefühl hatte, da trabe einer herum, lag nicht falsch, aber eben auch nur für diese Saison.

Warum das Urteil trotzdem schief liegt

Fügt man alles zusammen, ergibt sich ein Muster, das über Brandt hinausgeht. Urteile über Spielmacher entstehen an wenigen, stark beleuchteten Momenten, und die liegen systematisch dort, wo diese Spieler schwächer sind.

Brandts Bilanz in der Champions League liegt bei einer Torbeteiligung alle 211 Minuten, ein Drittel unter seinem Ligawert. Genau diese Spiele schauen alle. Die Bundesliga-Wochenarbeit in Mainz oder Heidenheim, wo seine 146 Minuten zustande kamen, sehen die eigenen Fans natürlich auch, aber eben im Wesentlichen nur sie. Wer kein Dortmunder Spiel auslässt, urteilt über Brandt anders als jemand, der ihn zweimal im Jahr an einem Champions-League-Abend sieht. Der Ruf eines Spielers entsteht aber im zweiten Publikum, nicht im ersten. Wessen Schwäche sich ausgerechnet auf der größten Bühne konzentriert, bekommt deshalb einen Ruf, den sein Gesamtwerk nicht deckt.

Dazu kommt die Kraft einzelner Ereignisse. Eine 1:5-Heimniederlage gegen den Aufsteiger Stuttgart kostete Lucien Favre das Amt. Solche Spiele schreiben die Erzählung für Monate, und jeder, der an ihnen beteiligt war, trägt sie mit. Dass Brandt in derselben Saison auf 6,7 Prozent Anteil an den Dortmunder Toren fiel, während er drei Jahre später bei 27,9 Prozent lag, spielt in der Erinnerung keine Rolle. Es hat ja niemand nachgerechnet.

Und das gilt in beide Richtungen, auch für die wohlmeinende Seite. Die sympathischste Verteidigung Brandts, seine Vorlagen seien an schwachen Vollstreckern gescheitert, ist hier durchgefallen: Er hat seine erwarteten Vorlagen in zwei von drei prüfbaren Jahren deutlich übertroffen. Wer Fans und Medien vorwirft, sie urteilten nach Gefühl, sollte die eigene Gegenerzählung demselben Test unterziehen.

Amsterdam als letzte offene Frage

Bei Ajax trägt er die Nummer acht, und der Start ist besser als alles, was er zuletzt in Dortmund zeigte. Fünf Tore in zehn Pflichtspielen, davon drei in 350 Eredivisie-Minuten. In der Liga gerechnet ist das eine Torbeteiligung alle 117 Minuten oder 0,77 pro 90, gegenüber 0,62 in der Bundesliga und auf dem Niveau seiner besten Jahre. Auffällig dabei: In der Liga steht bislang keine einzige Vorlage. Der Vorlagengeber trifft plötzlich selbst.

Eine Warnung gehört allerdings dazu, und sie dämpft genau diese Zahl. Die Eredivisie ist nicht die Bundesliga. Wie groß der Ligaeffekt ausfällt, lässt sich an Christian Eriksen ablesen, der denselben Weg ging, nur andersherum: Bei Ajax lag seine Quote rund ein Viertel über der, die er später in der Premier League erreichte, bei gleicher Erhebungsmethode, nämlich bei etwa 0,72 pro 90. Brandts 0,77 sind also ungefähr das, was ein guter Kreativspieler in dieser Liga erreicht. Zehn Pflichtspiele sind zudem eine sehr kleine Stichprobe, und nach dem Muster seiner Karriere wäre dies ohnehin erst das erste von zwei Übergangsjahren.

Und damit zur Pointe dieser Karriere, die eine andere ist als die, mit der man üblicherweise für Brandt argumentiert. Er war unbeständig, die Zahlen lassen daran keinen Zweifel, und er kann diese Schwankung auch nicht auf schwache Stürmer abschieben. Nur folgt daraus eben nicht, was ihm seit Jahren angehängt wird. Ein Spieler, der über fast 25.000 Bundesliga-Minuten hinweg alle 146 Minuten an einem Tor beteiligt ist, hat sein Talent nicht verschenkt. Er hat es ungleichmäßig abgerufen, was etwas völlig anderes ist.

Amsterdam beantwortet nun die letzte offene Frage: nicht, ob Brandt gut genug ist, sondern ob er es über eine ganze Saison am Stück sein kann.

Anmerkungen:

  • Erwartete Vorlagen weist der kicker erst ab 2023/24 aus. Drei Saisons sind eine schmale Basis. Sie widerlegen die Erklärung über die Chancenverwertung für diese Jahre, nicht für die gesamte Karriere.
  • Die Saison 2013/14 umfasst bei Brandt nur 587 Minuten nach seinem Wechsel im Januar. Der Pro-90-Wert dieser Zeile ist entsprechend wacklig.
  • Der Zusammenhang zwischen Trainer und Quote ist eine Korrelation über wenige Saisons, kein Nachweis einer Ursache. Verletzungen, Kaderveränderungen und Gegnerstärke sind da nicht mit drin
  • Die Laufdaten liegen beim kicker erst ab 2023/24 vor und decken hier zwei Saisons ab. Müller war darin sechs bis sieben Jahre älter als Brandt, was einen Teil des Sprintunterschieds erklärt.
  • Das Zwei-Jahres-Muster nach einem Vereinswechsel beruht auf zwei Fällen. Beim ersten war Brandt 17 und noch kein Stammspieler. Es ist eine Beobachtung, kein statistischer Befund.
Quellen
  1. 1 kicker.de - sämtliche Saisonwerte zu Julian Brandt und Thomas Müller: Einsatzminuten, Tore, Torvorlagen, erwartete Tore und Vorlagen sowie Laufleistung und Sprints, jeweils aus der Detailstatistik einzelner Saisons in Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal. Ebenfalls von dort: die Positionskarten und die Bundesliga-Abschlusstabellen, aus denen die Tore der Vereine stammen. Abgerufen im September 2026.
  2. 2 bundesliga.com - Müllers vollständige Bundesliga-Bilanz von 150 Toren und 178 Vorlagen aus 503 Spielen.
  3. 3 FBref - Brandts Spiele und Startelfeinsätze je Bundesliga-Saison, deren Minutensumme mit der des kicker auf zwei Minuten genau übereinstimmt, sowie sämtliche Saisonwerte zu Mesut Özil bei Real Madrid und Arsenal samt Einsatzminuten, die Ligatore des FC Arsenal je Saison sowie die Werte zu Christian Eriksen in Premier League und Eredivisie. Andere Erhebung als der kicker, deshalb bei Özil und Eriksen jeweils nur im eigenen Verlauf gelesen und nicht auf die Kommastelle gegen Brandt gerechnet.
  4. 4 kicker.de und FBref - Brandts laufende Saison bei Ajax, Stand 16. September 2026: sechs Eredivisie-Spiele mit 350 Minuten, drei Toren und keiner Vorlage, dazu vier Spiele der Conference-League-Qualifikation mit zwei Toren. Beide Anbieter stimmen in den Ligawerten überein. Laufdaten führt der kicker für die Eredivisie nicht.
  5. 5 Wikipedia - Stationen der Laufbahn: die Umstellung ins Zentrum unter Peter Bosz, die Auszeichnung als Spieler des Monats im Februar 2019, der Wechsel nach Dortmund, das Champions-League-Finale 2024 und die Übernahme der Nummer zehn.
  6. 6 bayer04.de - die Trainerchronologie von Bayer 04 Leverkusen mit den genauen Amtszeiten.
  7. 7 Die Einordnung von Paul Merson zu Mesut Özils Formschwankungen, das Etikett des Luxusspielers und Eriksens Anteil an den Tottenham-Toren.
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